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Ist Buddhismus Esoterik?

von Hans Gruber


 

Der Buddhismus gilt heute oft als eine Form von Esoterik. So scheint eine Klärung des Verhältnisses zwischen Buddhismus und Esoterik notwendig.

 

Das hartnäckige Konzept des "esoterischen Buddhismus"

Das meinungsführende Magazin Der Spiegel brachte am 13. April 1998 die ausführliche Hauptgeschichte Buddhismus: Glauben ohne Gott, zwischen Religion und Esoterik. Vorne auf der Titelseite lockte ein sanft lächelnder und goldener Buddhakopf, in dessen Inneres auf einer goldenen Straße eine Menschenmenge hineinströmte. Die verkaufte Auflage dieser Spiegel-Nummer lag mit einer Million und 92 Tausend um rund 70 Tausend Exemplare höher als eine durchschnittlich verkaufte. Ein weiteres Beispiel: Der große deutsche Lexikonverlag Harenberg hat für ein breites Publikum im September 2002 erstmals ein Lexikon der Religionen heraus gebracht. In dem nicht von den Autoren, sondern vom Verlag verfassten Vorspann zum Buddhismuskapitel stand der folgende Satz: "Im Unterschied zu anderen Weltreligionen kennt der Buddhismus keinen Schöpfergott, dem der Mensch und sein Seelenheil unterworfen sind. Im Mittelpunkt steht die Befreiung der Menschen von allen Fesseln der Existenz auf dem Achtfachen Pfad zum Nirvâna. Insofern ist der Buddhismus eine Form der Esoterik, die zugleich eine maßgebliche Orientierung für die Bewältigung der irdischen Existenz zum Inhalt hat."

Beide Beispiele zeigen also, dass der Buddhismus in weiten Teilen der Öffentlichkeit mit Esoterik in Zusammenhang gebracht wird. In beiden genannten Zitaten gilt der Gott- bzw. Seelenglaube als das Merkmal von "Religion". Deshalb, lautet die Folgerung, wäre der Buddhismus eben keine Religion. In diesen Zitaten gelten analog das Nichtvertreten des Gottes- bzw. Seelenglaubens bzw. die Suche nach "Befreiung von allen Fesseln der Existenz" als das Merkmal von "Esoterik". Deshalb, lautet die Folgerung, wäre der Buddhismus eben Esoterik.

Das Fazit: Wenn man sich oder das eigene "Seelenheil einem Schöpfergott unterworfen" und somit die eigene wesensgemäße Begrenztheit glaubt, gilt dies als "religiös". Denn innere Befreiungssuche ist dem kulturellen Kontext oder religiösen Denken des Abendlandes relativ unvertraut. Warum? In den monotheistischen Religionen geht es nicht um Befreiung im Leben. In deren Urtexten ist etwa keine Rede von "Endgültigen Befreiungsstufen", von natürlich sehender "Achtsamkeit", laut Buddha die Quelle des universellen Befreiungsweges von Ethik, Ruhe und Einsicht bzw. der "Einzige Weg" (Ekayâno Maggo), oder von "Meditation" (Bhâvanâ) als methodische Einübung dieser Achtsamkeit. Innere Befreiungssuche ist dem kulturellen Kontext oder religiösen Denken des Morgenlandes relativ vertraut. In einem buddhistischen Land gälte die Lehre des Erwachten generell nicht als Esoterik.

Während in der öffentlichen Wahrnehmung der Begriff "Religion" (wörtlich "Rückverbindung" zum Höchsten) einen positiven Beiklang hat, gilt im allgemeinen das Gegenteil für "Esoterik". Wäre der Buddhismus heute durch breit überzeugende Meister wie den Dalai Lama und Thich Nhat Hanh oder auch höchst pragmatische Bewegungen wie die Achtsamkeitspraxis Vipassanâ zum Beispiel von S. N. Goenka nicht so stark wachsend populär, würden ihn manche vielleicht noch als Sekte einstufen. Der Papst hat den Dalai Lama bereits als "Gottlosen" bezeichnet. Weil er laut Kirchenlehre "Stellvertreter Gottes auf Erden" ist, haben solche Bewertungen auf eine große Menge von Menschen beträchtlichen Effekt.

Was heißt nun "Esoterik"? Warum wird mit dem Buddhismus häufig "Esoterik" assoziiert? Was unterscheidet Buddhas Lehre von Esoterik?

 

Was heißt Esoterik?

Der Begriff "Esoterik" kommt vom Griechischen "esoteros" für "innerer". So steht Esoterik für "Geheimlehre", die durch spezielle Praktiken alleine einem "inneren" Kreis von Eingeweihten zugänglich sei. Heute ist das Wort ein Überbegriff für das "New Age", alle Bewegungen, die sich der Erschließung einer übersinnlichen, "transzendenten" Dimension "jenseits" der alltäglichen Erfahrung oder "außerhalb" der konventionellen Realität widmen. In diesem Sinne fällt darunter eine sehr breite Palette, von Theosophie, Astrologie und Parapsychologie über Meditation und Yoga bis hin zu Geomantie und Schamanismus, in den monotheistischen Weltreligionen Gnostik und Mystik (Christentum), Kabbala (Judentum) und Sufismus (Islam), sowie großteils die asiatischen Weltreligionen Hinduismus und Buddhismus.

 

Warum wird mit dem Buddhismus häufig "Esoterik" assoziiert?

In der Esoterikforschung gilt als die Hauptquelle aller Esoterik und als Vorläufer der modernen "New Age"-Bewegung die Theosophie (wörtlich "Weisheit Gottes") der teils deutschstämmigen Ukrainerin Helena Blavatsky (1831-1891). Die Theosophie hat auch den Ausdruck "New Age" erst geprägt, das sie Anfang des 20. Jahrhunderts im aufziehenden Nationalsozialismus erblickte. Blavatsky beruft sich mit ihrem vierbändigen Hauptwerk Die Geheimlehre auf ein ihr historisch erstmals offenbartes und telepathisch (aus Tibet) übermitteltes "Urwissen der Menschheit" bzw. "Die Urreligion", das vermeintlich Gemeinsame aller Glaubensrichtungen.

Es haben sich weltweit zahlreiche theosophische oder theosophienahe Gruppierungen gebildet, z. B. die "Neue Akropolis" (in über 50 Staaten mit rund 200 Zentren). Auch Neureligionen wie der vietnamesische "Caodaism" (fünf Millionen Anhänger) sind häufig theosophisch geprägt. Im Caodaismus wird Blavatsky besonders verehrt. "Cao Dai" gilt als "Gott, der Vater, das höchste Wesen, der Schöpfer, die Letztliche Wirklichkeit des Universums" (letzterer Ausdruck stammt aus dem nicht-theistischen Buddhismus, wo es um die direkt erfahrbare "wahre Natur aller Dinge" geht, als fließend, letztlich nicht tragfähig bzw. das Nicht-Selbst). Im Caodaismus werden also in typisch theosophischer Manier die Grundlehren unterschiedlicher Religionen gleichgesetzt, wobei der Gottes- und Seelenglaube als die "Dachlehre" fungiert. Wie die Theosophie verschmilzt der Caodaismus, übersetzt "Gottismus", auch die Welttraditionen des Spiritismus und beruht so etwa auf menschlichen "Medien" mit vermeintlich direktem oder persönlichem Kontakt zu "Cao Dai".

Helena Blavatsky und der amerikanische Oberst Henry Olcott (1832-1907) gründeten 1875 in New York die "Theosophische Gesellschaft", als überkonfessionelle Organisation zur Verschmelzung allen Weisheitswissens und der okkulten Traditionen der Menschheit. 1882 wurde der Hauptsitz der Gesellschaft nach Indien verlegt. Auf Sri Lanka konvertierten Blavatsky und Olcott 1880 öffentlich zum Buddhismus. Hier begründete Olcott in Colombo im gleichen Jahr die "Buddhistische Theosophische Gesellschaft". Er verfasste den Buddhistischen Katechismus, der 1887 auch ins Deutsche übersetzt und einflussreich wurde. Blavatsky verkündete ab 1880 den "Esoterischen Buddhismus", der etwa von dem prägenden Theosophen A. P. Sinnett mit dem Werk Esoteric Buddhism (1883) verbreitet worden ist.

Blavatskys unverifizierbare, spekulative oder theosophisch allsynthetisierende Deutung des Buddhismus war von den klar unterscheidenden Reden des Erwachten im Pali-Kanon weit entfernt. Laut Blavatskys und Sinnetts Buddhismus(wünschen) gibt es etwa keinen Unterschied zwischen den brahmanischen und buddhistischen Kernlehren (vgl. unten). So widersprechen sie völlig den Aussagen des Erwachten. Dies wussten sie, aber alles habe seine Erklärung: Der Buddha habe nämlich diese "höhere Lehre" bloß geheim gegeben, einem "auserwählten" Kreis derjenigen, die sie verstehen könnten (wie Blavatsky und Sinnett).

Besonders am Herzen liegt den Vertretern des "Esoterischen Buddhismus", die Praxislehre des Erwachten von der Letztlichen Wirklichkeit als die direkt erfahrbaren Drei Daseinsmerkmale "Alles fließt, trägt nicht wirklich, im allbezogenen Nicht-Selbst" zu übergehen. Denn sie ist unvereinbar mit der theosophischen Dachlehre vom Gottes- und Seelenglauben und auch dem brahmanischen "Wahren Selbst" Âtman (als Einheit mit der "Weltseele" Brahman). Das "Wahre Selbst" ist bereits theosophisch vereinnahmt worden. Doch wie sollte man im Falle des buddhistischen "Nicht-Selbst" aller Dinge vorgehen? Buddhas durchgängige Ablehnung jeder Sicht vom Höchsten als ein "Selbst" (ob nun die Vorstellung von Gott, Seele, Wahrem Selbst oder Ich) bzw. von Spekulation und Metaphysik, wird so abgetan: Seine Antworten auf metaphysische Fragen seien alleine für die, laut Sinnett, "ordnungsgemäß Eingeweihten" bestimmt gewesen. Auf diese Weise konnten dem Erwachten nun alle esoterisch erwünschten Antworten angedichtet werden.

Blavatsky prägte das generelle bzw. populäre Buddhismusverständnis im Abendland stark. Auch einige buddhistische Organisationen in Ost und West weisen in ihrem Entstehungshintergrund die Theosophie auf (dies ist ein so großes und wichtiges Thema, dass ihm ein eigener Beitrag zu widmen wäre). Dadurch pflanzte sich der theosophische Denkansatz auch unter den westlichen Buddhisten fort.

Die maßgebliche Encyclopedia Britannica schließt ihren Eintrag zur Theosophie so: "Die 'Theosophische Gesellschaft' ist eine katalysatorische Kraft in der asiatischen Wiederbelebung von Buddhismus und Hinduismus im 20. Jahrhundert gewesen und ein bahnbrechendes Organ für die größere westliche Kenntnis östlichen Denkens. In den USA hat sie eine ganze Reihe religiöser Bewegungen beeinflusst, inklusive der 'Ich-bin-Bewegung' (!), Rosenkreuzer, Liberalen Katholischen Kirche, Psychiana, Unity, und von Sektionen der Bewegung 'Neuer Gedanke'."

Jahrzehnte nach Blavatsky (1946) schrieb etwa der vielfache Autor und einflussreichste westliche Theravâda-Mönch, Nyânatiloka (Anton Gueth), zur abendländischen Sicht vom Karma: "Es heißt keineswegs das Schicksal von Menschen oder ganzen Völkern, wie unter dem Einflusse der Theosophie die beinahe allgemeine Auffassung im Westen ist." Buddhas Lehre vom Karma als "Absicht" (Cetana) umfasst nicht das Schicksal, im Unterschied zur Theosophie Blavatskys und auch der Anthroposophie Rudolf Steiners, der ursprünglich von der Theosophie (als Generalsekretär deren deutscher Sektion bis 1913) gekommen war. Von Blavatsky und Steiner gelehrte Konzepte wie das "kollektive Karma" eines Volkes lagen dem Erwachten fern. Steiner lehrt denkbar breit ein "Menschheitskarma, Erdenkarma, Weltenkarma" (Die Offenbarungen des Karma: Ein Vortragszyklus in Hamburg, Rudolf Steiner Verlag). Blavatsky spricht gar vom "weltweiten Verlöschen" von Naturvölkern als "karmischer Notwendigkeit". Mit solchen Ansichten wird von anderen erfahrenes oder ihnen zugefügtes Leid als unvermeidbar "spirituell" gerechtfertigt. Deshalb hat der Erwachte den Karmabegriff strikt auf "Absicht" beschränkt.

Ähnlich ist die im Abendland populär verbreitete Auffassung von Wiedergeburt theosophisch: Der Glaube an ein über unterschiedliche Leben unveränderlich durchlaufendes, in der Zeit mit sich identisches "Ich". In Buddhas Lehre bedeutet Wiedergeburt einen kausal bedingten Werdeprozess ohne ein durchlaufendes "Selbst", das "wiedergeboren" wird; sowie diesseitsbezogen den leid- oder angstvollen Prozess von Ergreifen und innerer Verstrickung in die Welt, eben aus "verfehlter" Identifikation mit den stetig fließenden, letztlich ungreifbaren Phänomenen als ein "Selbst" bzw. "Mein". Gerade der "Durst" nach der vorgestellten Größe des "Selbst" gilt hier als Motor des ganzen Werdeprozesses. So äußert sich die Befreiung im schwindenden "Durst" nach dieser Wiedergeburt. Was aber "wiedergeboren" werde, sei "weder derselbe noch ein anderer" - wie ein alter Mensch im Vergleich zu sich als Baby in körperlicher und geistiger Hinsicht weder der selbe noch ein anderer ist. Das Gleiche gilt sogar für einen Lebensmoment im Verhältnis zum vorhergehenden. Die nachtodliche Wiedergeburt ist die gesetzmäßige, rein prozesshafte bzw. "Selbst"-lose Fortführung der lebensimmanenten "Zyklen", wobei das dominante Bewusstsein im Leben den "Daseinsbereich" (Gati) danach bestimmt.

In der Theosophie und Anthroposophie geschieht der spirituelle Aufstieg über die Leiter der "Reinkarnationen" einer unveränderlichen "Seele" bzw. des wahren "Selbst", das sich über diese Leiter immer mehr herausschäle. Steiner lehrte, dass das am höchsten entwickelte "Ich" im Abendland wiedergeboren werde. Seine Auffassung von Reinkarnation dient also einem elitären Begriff kultureller Hierarchie, womit sie einem verbreiteten abendländischen und christlich geprägten Überlegenheitsgefühl entspricht. Der alte Werner Haverbeck, zur Nazizeit Leiter des "Reichsbund für Volkstum und Heimat", publizierte 1989 das umfangreiche Werk Rudolf Steiner: Anwalt für Deutschland. Für Steiner war der Buddhismus bloß die Vorstufe für das Christentum. In seiner Autobiografie Mein Lebensgang sagt er etwa: "welch einen gewaltigen Fortschritt das Mysterium von Golgatha gegenüber dem Buddhaereignis bedeutet, und wie die Entwicklung der Menschheit, indem sie dem Christusereignis entgegenstrebt, zu ihrer Kulmination kommt."

 

Was unterscheidet Buddhas Lehre von Esoterik?

Es ist klar zu sehen, dass Blavatsky und Olcott auf Sri Lanka als dem Hort des frühen Buddhismus Theravâda mit dessem Pali-Kanon (in der Wissenschaft die Quelle zur "Lehre des historischen Buddha") den "Esoterischen Buddhismus" verkündeten. Dies taten sie genau zu dem Zeitpunkt, nachdem gerade durch die abendländische Wissenschaft folgendes unabweisbar geworden war: Dass neben den gott- und seelengläubigen Weltreligionen eine weitere existiert, die sich von deren Kernlehren klar unterscheidet - der Buddhismus, besonders in dessen früher Gestalt, wie er mit dem Pali-Kanon auf Sri Lanka überliefert ist. So bezweckt die Verkündung des "Esoterischen Buddhismus" auf Sri Lanka, Buddhas andere Sicht vom Höchsten durch die Theosophie als "Die Weisheit Gottes" subtil zu verstellen.

Denn das koloniale Abendland mit dem Christentum war damals praktisch weltbeherrschend. "Theosophie" heißt im Grunde "Weisheit (zur Verteidigung des) Gottes (-, Seelen- oder Selbst-) Glaubens". Wegen dieser Intention ließe sich "Theosophie" auch übersetzen mit "Weisheit des Ich", weil Weisheit vom Bewusstsein von "Ich und Mein" instrumentalisiert wird. Theosophie ist der "esoterische" Ausdruck des monotheistischen Alleingeltungsanspruches, der sich unter den pluralistischen Vorzeichen der Moderne zunehmend anders äußern musste - eben als Sicht von der Essenz aller Weisheitslehren in einem vermeintlichen Glauben an Gott, Seele oder wahres "Selbst". Die suggestive Macht der Theosophie wurzelt darin, dass sie diesen so lange Zeit unbewusst und breit verinnerlichten Glauben als "Dachlehre" über alle spirituellen Lehren und Religionen der Welt setzt. Der heute in den sprituellen Szenen stark verbreitete, alles "integrierende" oder gleichschaltende Geist "Im Kern sind alle Religionen identisch" (dass etwa der Gottes- und Seelenglaube letztlich mit dem allbezogenen "Nicht-Selbst" des Erwachten identisch wäre), dem bereits jedes klar unterscheidende Denken suspekt ist, hat seine Hauptwurzel in dieser weit reichenden, subtil effektiven theosophischen Bewusstseinsmacht.

Auch das häufige Zusammenmischen der hinduistischen und buddhistischen Sicht von Karma, Wiedergeburt und Daseinskreislauf "Samsâra" ist theosophisch. Dies ist ja ein Kernanliegen des "Esoterischen Buddhismus", um den nichttheistischen Buddhismus in den theistischen Hinduismus einzuflechten. Deshalb hat die Theosophie mit ihrem Hauptsitz in Indien (bei Madras) auch im indischen Kulturraum beträchtlichen Einfluss entfaltet - besonders unter Annie Besant (1847-1933), Tochter eines englischen christlichen Geistlichen, und die internationale Präsidentin der "Theosophischen Gesellschaft" von 1907 bis 1933 (als viele theosophische Logen ebenfalls in Europa und den USA entstanden sind). Denn die Einflechtung des in Indien entstandenen Buddhismus in den älteren, hier voll angestammten Hinduismus ist den Hindus und theosophisch geprägten Buddhisten in Ost wie West ein Kernanliegen. Auch im Hinduismus selbst gilt der Buddha (wie Krishna oder Râma) als eine Verkörperung "Avatâra" von Gott Vishnu. Damit wird der Erwachte (im Kontrast zu dessen Aussagen) hinduistisch inkorporiert.

Der Buddha resümiert seine Haltung u. a. im Gleichnis von der Schlange klar: "Ich sehe keine Lehre vom Selbst, die, wenn sie ergriffen wird, nicht Unglück, Wehklagen, Schmerz, Kummer und Verzweiflung hervorbrächte." Denn eine Lehre von einem "Selbst" (die Sicht, dass es im höchsten Sinne real sei) widerspricht der Wahren, "Selbst"-losen Natur aller Dinge. Damit wirkt sie unbewusst als metaphysische Rückversicherung des Bewusstseins von "Ich und Mein", im Schluss: Was für die Höchste Realität gilt ("Selbst" bzw. Dualität), muss um so mehr für die Konventionelle Wahrheit meiner Erfahrung gelten (vgl. etwa die theosophische Basis jener amerikanischen "Ich-bin-Bewegung"). Der Gott- und Seelenglaube ist der menschliche Ich- und Mein-Glaube in seiner metaphysisch überhöhten Form, das unbewusst machtvollste Rückversicherungsprojekt des "Selbst" in der Geschichte.

Auch "moderne" buddhistische Lehrende äußern sich zu diesem Thema wie der historische Buddha. Die beiden einflussreichsten Meister in der Geschichte Thailands sind Ajahn Chah (Begründer der größten Ordenstradition Thailands und eines einflussreichen westlichen Ordensablegers) und Ajahn Buddhadâsa (Begründer der "Natur-Methode" der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanâ sowie mit seinem umfassenden Werk prägend für die thailändische Mittel- und Oberschicht). Ajahn Chah lehrt: "Alles, was Du damit erkennen wirst, ist das Selbst, Ich, Mein. Buddhismus heißt Loslassen des Selbst, Leerheit, Nirvâna." Ajahn Buddhadâsa betont: "Es gibt bloß einen 'Satan': Selbstsucht ... Wahre Praxis bedeutet, über den Einfluss von 'gut' und 'schlecht' hinausgelangt zu sein. Denn 'gut' und 'schlecht' sind bloß relative Wahrheiten. Sie gehören genauso zum Strom des Entstehens in Abhängigkeit wie alles andere auch. So sind sie letztlich kein 'Selbst', keine 'Seele', kein 'Ding'. Buddhismus ist die Religion der Leerheit von einem Selbst."

Dem Wesen Theosophie bereitet solche klare Unterscheidung Krämpfe; wie systematisch, großangelegt und subtil Blavatsky ihr Zusammenrühren in Die Geheimlehre vornimmt, kann im Rahmen dieses Beitrages nicht ausgeführt werden. Manche Bewertungen von Esoterikforschern deuten es an. Ein Hauptwerk lautet etwa: Theosophie, Speerspitze des Okkultismus (Stephan Holthaus, 1989). Die WDR-Journalisten Kaarel Siniveer und Klaus Bellmund bezeichnen die Theosophie in ihrem Buch Kulte, Führer, Lichtgestalten: Esoterik als Mittel rechtsradikaler Propaganda (Knaur, 1997) als "Staubsauger allen esoterischen Wissens".

Dieser theosophisch-esoterische "Geist", der heute die spirituelle Szene und teils darüber hinaus prägt, unterscheidet sich grundlegend vom alten Indien. Hier war das klar unterscheidende Sehen bzw. Denken ohne Polemik das Hauptmittel, um zu Klärung und Entscheidung für das eigene Leben zu kommen. So hat der Erwachte etwa die "Treffliche Sicht" (sammâ Ditthi) das "Zugpferd" des ganzen Befreiungsweges genannt und sich konkret stets klar gegen "Verfehlte Sicht" (micchâ Ditthi) gewandt. Eine der häufigsten Wendungen in den fünf großen Redensammlungen des Buddha im Pali-Kanon ist "Asketen und Brahmanen", als Sammelbegriff für alle zeitgenössischen Lehrer. Wo diese Wendung in den einzelnen Reden vorkommt, folgt eine kritische Auseinandersetzung mit deren Ansichten oder Verhalten. In den Reden des Erwachten, aus denen die friedfertigste Weltreligion erwachsen ist, findet sich nirgends eine Aussage wie "im Kern sind alle Religionen identisch". Umgekehrt gilt: Die Esoterikforschung hat zur "gleichschaltenden" Theosophie gezeigt, dass sie etwa für okkult-nationalistische Gruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts (wie den "Ariosophen" um Guido von List und Lanz von Liebenfels oder der "Thule Gesellschaft") das Fundament lieferte. Später führende Nazis holten sich hier Hauptideen. Das Kernmerkmal von Faschismus ist Gleichschaltung, Einebnung, andere Überzeugungen nicht zu gestatten oder auszuhalten, in welcher Gestalt auch immer dies geschieht. Damit ist natürlich nicht gemeint, eine andere Überzeugung nicht zu teilen bzw. diese mit begründeten Argumenten anzugehen. Offener Diskurs und freier Wettbewerb der Argumente sind das Gegenteil von Faschismus.

 

Esoterische Formen des Buddhismus zum Teil

Esoterische Formen des Buddhismus gibt es erst in Traditionen der nachchristlichen Zeit und bloß zum Teil. Die "geheimen" Praxisrituale Sâdhanas (Mittel zur Vollendung) des tantrischen Buddhismus Vajrayâna (Diamantfahrzeug) tragen esoterische Züge, insofern sie der "Einweihung" (Initiation) durch einen Meister "Guru" bedürfen. Dies gilt auch für die einweihungsbedürftige Schlüsselsprache der "tantrischen Literatur". Im Theravâda gilt der (ebenso vom Hinduismus geprägte) tantrische Buddhismus nicht als Lehre des historischen Buddha (6-5. Jh. v. Chr.). Die buddhistische Geschichte ist dadurch charakterisiert, dass sich viele Traditionen in Reaktion auf Gegebenheiten der Kultur und Zeit entwickelt haben.

Auch der in nachchristlicher Zeit erst in China voll entstandene Zen-Buddhismus trägt esoterische Züge. Denn er erhebt den Nicht-Dualismus zum absoluten Maßstab. In den Grundschriften des Zen etwa findet sich kaum je klar unterscheidendes oder kritisch beleuchtendes Denken, wie es ein deutliches Hauptmerkmal von Buddhas Reden im Pali-Kanon ist. Der Zen synthetisiert absolut. Hier gibt es eine Verbindung zur Esoterik. Der Zen ist selbst bereits eine Synthese aus den beiden sehr unterschiedlichen Denkschulen des altindischen Mahâyâna vom 1) "Nur-Geist" (Yogachâra) und der 2) "Leerheit" des "Mittleren Weges" (Madhayamaka), der 3) "Versenkung" (Dhyâna) in Buddhas Lehre, sowie der Lehre vom 4) "Inneren Licht" im chinesischen Taoismus. Die Verabsolutierung von "Nicht-Dualismus" und "Erleuchtung" im Zen gab ihm den Namen "Die Schule der Erleuchtung".

Der "Großmeister" der "postmodernen" esoterischen Theorie, der Amerikaner Ken Wilber, kommt vom Zen. Auch wo das Christentum eine Synthese mit dem Buddhismus eingeht, ist der Partner im Buddhismus der Zen. Dieser lehrt (im Kontrast zum frühen Buddhismus Theravâda) ein höchstes, "Wahres Selbst".

Ken Wilber verkündet theosophisch allsynthetisierend (Das Wahre, Schöne, Gute: Geist und Kultur im 3. Jahrtausend, Krüger Verlag) z. B.:

"Der integrale Ansatz ist einer alle Ebenen und Quadranten umfassenden Vorgehensweise verpflichtet, die das ganze Spektrum des Bewusstseins nicht nur im Ich-Bereich, sondern auch im Wir- und Es-Bereich abdeckt und dadurch Kunst mit Moral und Wissenschaft, Selbst mit Ethik und Umwelt, Bewusstsein mit Kultur und Natur, Buddha mit Sangha und Dharma und das Wahre mit dem Schönen und Guten integriert. In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit ganz konkreten Beispielen für alle diese vielfältigen Facetten des Kosmos beschäftigen und dabei versuchen, diese zu einem farbenfrohen Tuch zu verweben. Und wer weiß - vielleicht gelangen wir, Sie und ich, in den oberen Regionen des Spektrums des Bewusstseins zu einer unmittelbaren Intuition des Geistes des ewigen GEISTES." Der GEIST in großen Lettern ist der Hauptbegriff des Buches, für Wilber das "formlose Selbst".

Hier geht es theosophisch letztlich um die Unterminierung klaren Unterscheidungsvermögens durch einen suggestiv "farbenfrohen", auf das "Selbst" fixierten Manipulations-Cocktail. In seinem Buch One Taste meint Wilber etwa absurd, was zu einem besseren Verständnis der buddhistischen "Ichlosigkeit" verhelfen würde, sei "die Tatsache, dass Ich, Seele und Selbst gleichzeitig gegenwärtig sein können". Der Aussage folgt ein wahrer Reigen von Huldigungen des "Ich", es beschwörend. Für den Erwachten sind "Ich" (Aham; Ego), "Seele" (Jîva) und "Selbst" (Atta) synonym und mit dessen Lehre von der "Ichlosigkeit" (Anattâ) als letztlich real verneint, weil im flusshaften Wandel der Phänomene nichts wirklich bleibend oder greifbar sei. "Meditation" (Bhâvanâ) und natürliche "Achtsamkeit" (sammâ Sati) sind das Tor zu dieser "wahren Natur aller Dinge", für Freiheit in sehender Liebe.

 

Selbst- und "Nicht-Selbst"-Verwirklichung, geheim und nicht geheim

Die Wortbedeutung von "Theosophie" als "Weisheit Gottes" macht bereits deutlich, dass deren "Urreligion" stets mit der höheren, direkten Schau eines (wie auch immer aufgefassten) "Gottes" zu tun hat. Für Blavatsky ist Gott das höhere, "Wahre Selbst" im Menschen (womit sie die rückversichernde Funktion des Gottesglaubens für die "Selbst"-Vorstellung unverhohlen vertritt). In diesem Sinne sei Gott das Verbindende aller Weisheitslehren der Welt. Diese Grundlehre der Theosophie wird in der modernen Esoterik daran ersichtlich, dass sämtliche heutigen esoterischen Strömungen nach einem höheren oder "Wahren Selbst" und einer jeweils spezifischen "Selbstverwirklichung" streben. Ken Wilber etwa setzt in seinem oben zitierten Werk One Taste die theosophische Gleichsetzung von Gott mit dem Ich u. a. so um: "Monumentales, glorreiches, göttliches Ich, mit Kontakt zu einer tieferen Seelenschicht und einem direkten Draht zu Gott."

Hier liegt der erste Hauptunterschied zur Praxislehre des Erwachten. Dessen Verständnis von der Höchsten Wahrheit als (resümiert) "alles fließt, trägt nicht wirklich, im universellen Nicht-Selbst" bedeutet, dass es hier nicht um die Realisierung eines höheren oder "Wahren Selbst" von Körper und Geist, sondern um deren "Nicht-Selbst" geht (der Leerheit als innerer Fülle in der letztlichen Nichtgreifbarkeit aller Dinge). Der Buddha bezweckt die "Nicht-Selbst"-Verwirklichung, die ihm als die eigentliche oder echte "Selbstverwirklichung" gilt.

Blavatskys allsynthetisierende Interpretation von Gott als das "Wahre Selbst" verbindet die monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam mit der philosophischen Kernlehre des Hinduismus - der upanishâdischen Sicht von der "Absoluten Realität" als das "Wahre Selbst" Âtman (die Einheit mit der "Weltseele" Brahman, bzw. die Einheit mit absolut allem). Diese Verbindung der Theosophie geschieht ungeachtet des alten upanishâdischen Verständnisses, dass das "Wahre Selbst" Âtman keineswegs mit Gott identisch ist.

Die theosophische Synthese mit Buddhas Lehre war ein Problem, weil dessen Sicht vom Höchsten als das allbezogene Nicht-Selbst eine Gleichsetzung wie im Falle des Hinduismus nicht erlaubte. Hier war ein besonderes Vorgehen nötig, in zwei Schritten: 1) Blavatsky und Olcott bekannten sich auf Sri Lanka als dem Hort der frühbuddistischen Quellen des Pali-Kanons zum Buddhismus. 2) Dann konstruierten sie ihren eigenen Buddhismus, den "Esoterischen Buddhismus". Mit diesem wurden dem Erwachten alle esoterisch erwünschten Antworten angedichtet. Dass sie in dessen Reden nicht vorkamen, machte ihnen nichts. Ihre Erklärung: Der Buddha habe diese höheren Antworten alleine den "ordnungsgemäß Eingeweihten" in seine wahre oder "geheime Lehre" gegeben, die mit der Lehre der Brahmanen eins sei. Sinnett: "Die brahmanische Philosophie verkörperte bereits Jahrhunderte vor dem Buddha die gleiche Lehre, die jetzt als Esoterischer Buddhismus umschrieben wird." Mit dieser Grundidee war also über den Brahmanismus auch eine Synthese zwischen Buddhas Lehre und dem Gott- und Seelenglauben der monotheistischen Weltreligionen (dem "Dachglauben" des theosophischen Verrührens) konstruiert.

Die Praxislehre des Erwachten ist nirgends eine "Geheimlehre", die einem transzendent "von oben" oder spiritistisch offenbart wird, wie alle Reden des Buddha im Pali-Kanon als der ältesten überlieferten Quelle aufzeigen. Sie sind alleine der individuellen Entwicklung des Befreiungspfades von Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe und Intuitiver Einsicht aus Trefflicher Achtsamkeit gewidmet, d. h. der Realisierung des universellen Gesetzes Dharma (Das, was trägt). In Buddhas Praxislehre gelten bloß die "Drei Weisheitszugänge" (Ti-Pannâ) als Quellen "Gültiger Erkenntnis": 1) Durch Nachdenken oder Erwägen erworbenes Verstehen (Cintâ-Mayâ-Pannâ). 2) Durch Hören oder Aufnehmen, Lernen oder Lesen erworbenes Verstehen (Suta-Mayâ-Pannâ). 3) Durch Meditation erworbenes oder Intuitives Verstehen (Bhâvanâ-Mayâ-Pannâ). Hier ist die Grundvoraussetzung das eigene Nachdenken. Was die Drei Weisheitszugänge durchgehend verbindet, ist das eigene oder individuelle Verstehen. In dieser Grundsicht sind ein "medialer Zugang" zu höheren Mächten (Spiritismus), "göttliche Offenbarung" oder "heilige Schriften" keine Quellen Gültiger Erkenntnis, im Gegensatz zu Theosophie oder Esoterik.

Auch Buddhas berühmte Rede an die Kâlâmer macht sehr klar, dass er alleine die individuellen Einsichts- und Befreiungskräfte bezweckt. Explizit sprechen die letzten Worte des Erwachten gegen jede "Geheimlehre". Sie betonen noch einmal die Selbstverantwortung oder innere Befreiungskraft des Menschen:

"Ich habe lediglich einen Dharma vermittelt, ohne diesen in einen geheimen und einen öffentlichen zu unterteilen. Es gibt nichts Wichtiges, das ich unverkündet gelassen hätte, als würde es in einer geschlossenen Faust stecken. Denn ein Erwachter denkt nicht: ,Ich muss die Jüngerschaft führen. Sie sollte sich auch weiterhin auf mich verlassen!' So verkünde ich: Seid Euch selbst das führende Licht und der Freiort. Nehmt den Inneren Weg als das führende Licht und den Freiort, nichts anderes. Wie könnt Ihr Euch selbst der Freiort sein? Bleibt verankert in eingehender Betrachtung des Körperlichen im Körperlichen: Entschlossen, klar wissend und achtsam gegenwärtig, nachdem Verlangen und Bekümmern hinsichtlich der Welt abgelegt worden sind. Das Gleiche gilt für die Empfindungen, Geisteszustände und Natürlichen Wahrheiten. Diejenigen, die jetzt oder künftig so leben, werden das Höchste verwirklichen. Was ich als den Weg gewiesen und erklärt habe, wird nach meinem Dahinscheiden Euer Lehrer sein. Flusshaft-vergänglich ist alles bedingt Entstandene. Erarbeitet Euch unermüdlich die Befreiung!"

Muss man nicht dem Entwicklungspotential zum "Wahren Menschen" (Sappurisa) entfremdet sein, um solche Lehren als "Esoterik" ansehen zu können?

 

 
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